Serie 1: Zeugen aus dem Dunkel. Prähistorische Kunst
Teil 2: Die ältesten Gemälde der Welt (Höhlenmalerei)

 

Unter den ältesten Kunstwerken der Menschheit verbreitet besonders die Höhlenmalerei eine eigentümliche Faszination, der man schwer widerstehen kann. Nachdem in letzten Jahren sensationelle Entdeckungen Bewegung in die Erforschung dieser ältesten Gemälde gebracht haben, ist das Interesse an ihnen so groß wie noch nie.

 

Prähistorische Felsmalereien sind heute in aller Welt bekannt. In einigen abgeschiedenen Gegenden wird diese uralte Kunst sogar noch bis heute ausgeführt. Die ältesten Felsmalereien hat man bis jetzt in Europa entdeckt, und zwar hier vor allem in Spanien und Frankreich. Sie stammen aus der Zeit zwischen 32.000 und 15.000 Jahren, der Altsteinzeit, als die Europäer als Jäger und Sammler in einer durch die Eiszeit bestimmten Umgebung lebten.

Diese bekannten Felsmalereien machen nur einen Bruchteil des ursprünglichen Vorkommens aus. Deshalb ist es schwer zu sagen, wo die steinzeitlichen Menschen ihre Felsmalereien anbrachten und welchen Zwecken sie vorrangig dienten. Obwohl die bekannten Beispiele von Felsmalereien sich hauptsächlich in abgeschiedenen Höhlensystemen befinden, ist es wahrscheinlich, dass auch außen liegende Felswände bemalt worden sind.

Schon seit der Entdeckung der ersten Höhlenmalereien nimmt man, dass diese kultischen Zwecken gedient haben - also nicht nur bloße Dekoration waren. Darauf weist die unzugängliche Lage viele Felsbilder hin. Die Darstellungen bestehen hauptsächlich aus Tierzeichnungen. Daraus entstand die Theorie eines "Jagdzaubers", der aber heute als überholt angesehen wird und auf jeden Fall zu sehr vereinfacht ist. Neben Tieren finden sich zudem viele rätselhafte Zeichen und Handabdrücke. In seltenen Fällen werden Menschen oder Mischwesen aus Mensch und Tier dargestellt - gerade diese Darstellungen gehören aber zu den dramatischsten und faszinierendsten.

Lange Zeit waren Höhlenmalereien kaum bekannt, bzw. wurden sie wohl nicht beachtet. Dies lag zum einen auch daran, dass die Felsmalereien meist nur in sehr unzugänglichen Höhlen die Zeiten überdauert hatten. Doch erst um die letzte Jahrhundertwende, als man sich verstärkt für Zeugnisse aus der frühen Geschichte der Menschheit zu interessieren begann, fanden solche Kunstwerke genauere Beachtung und damit auch später einen besseren Schutz.

Die berühmte Altamira-Höhle in Kantabrien war die erste prähistorische Höhlenmalerei, die entdeckt wurde. Dies geschah 1868 durch Zufall. Als der Erforscher der Höhle 1879 eine Buch herausbrachte, dass das hohe Alter der Höhle bezeugen sollte, wollte man ihm das zunächst nicht glauben. Erst 1902 sollte die Chronologie der Höhle allgemein anerkannt werden.

Die berühmteste Höhle ist bis heute die Grotte Lascaux (15.500 - 17.00 v. Chr.), die 1940 durch 4 Jugendliche entdeckt wurde. Die Öffnung der Höhle für Besucherströme machten sie bis zu ihrer Schließung der allgemeinen Öffentlichkeit bekannt. Bis heute ist sie der Inbegriff für prähistorische Felsmalerei.

Seit der frühen Erforschung von Höhlenmalereien hat sich das Wissen über die prähistorische Felsmalerei und der Umgang mit ihr stark gewandelt. Einen wichtigen Anteil daran haben die vielen neuen Entdeckungen, die seit Lascaux gemacht worden sind. Die spektakulärste davon geschah 1995, als drei französische Höhlenforscher die Grotte Chauvet im Tal der Ardèche entdeckten. Diese ist erwies sich nicht nur als eine der schönsten und größten Höhlen, sondern mit ca. 32.000 Jahren auch als die älteste, die bisher bekannt ist. Zwar war schon lange bekannt, dass Menschen zu dieser Zeit in der Lage waren, kunstvolle Tierstatuetten herzustellen, wie sie in der Schwäbischen Alb gefunden wurden, doch hatte man angenommen, dass die Malerei sich erst ca. 15.000 Jahre später zu einem solch hohen Niveau entwickelt habe.

Die Erforschung dieser entfernten Epoche der Kunst steht noch am Anfang. Schon jetzt ist aber bekannt, dass die Menschen offenbar von Anfang an über entwickelte künstlerische Fähigkeiten verfügten. Die Malereien in Chauvet, Lascaux und Altamira erinnern in ihrer Lebendigkeit und Expressivität erstaunlich an Werke des modernen Expressionismus und Kubismus und zeugen von einer großen Beobachtungsgabe. Wie man z.Bs. in Chauvet sieht, bedienten sich die Künstler schon damals bestimmter gestalterischer Effekte, um ihre Malereien noch lebendiger und bewegter erscheinen zu lassen. Auch das Relief des Untergrunds wurde bewusst in die Kompositionen einbezogen.

 

Leider sind die steinzeitlichen Höhlen heute nur noch selten zu besuchen. Man hat hier aus der Vergangenheit gelernt, in der Besucherströme die uralten Malerein innerhalb weniger Jahre zu zerstören drohten. Höhlen wie Chauvet sind vollkommen nach außen abgeschlossen, um das Klima, in dem die Malereien Jahrtausende überdauert haben, nicht zu verändern, damit sie auch nachfolgenden Generationen erhalten bleiben. Für den normal Sterblichen gibt es als Trost einige hervorragende Bildbände und einige sehr gute Präsentationen im Internet.

 

Links

Grotte Lascaux
Das französische Kulturministerium bietet drei sehr liebevoll gestaltete Seiten zu Frankreichs berühmtesten Höhlen.
Hier die Seite zu Lascaux; mit virtuellem Rundgang. Informiert über Erforschung und Erhaltung der Höhle, sowie die Technik der steinzeitlichen Künstler.

Grotte Chauvet (engl./fr.)
(Französisches Kulturministerium) Virtuelle Gallerie mit Karte und erläuternden Texten von Chefkonservator Jean Clotte.

Grotte Cosquer (engl. / fr.)
Die unter dem Meeresspiegel liegende Grotte Cosquer ist eine weitere überraschende Entdeckung, die 1989 durch einen Taucher gemacht wurde.

Prehistoric Art, Cantabria University (engl./span.)
Diese Seite stellt die wichtigsten spanischen Höhlen im kurzen Portrait vor. Mit vielen Abbildungen und eine kurze Geschichte der Entdeckungen; darunter auch die Altamire-Höhle.

Newsletter der Grotte Chauvet

Nachbildung der Altamira-Höhle im Deutschen Museum in München
(Siehe dazu "Wussten Sie schon...").

Felsbildermuseum.at, Höhlenmalerei im Alpenraum

 

Wussten Sie schon,

dass von vielen steinzeitlichen Höhlen Duplikate existieren?

Die Deckenmalerei von Altamira, die das Deutsche Museum zeigt, ist die erste form- und materialgetreue Kopie die von steinzeitlichen Felsbildern gemacht wurde. Solche Kopien werden heute als beste Möglichkeit gesehen, prähistorische Höhlen dem normalen Laien erfahrbar zu machen.
Diese Lösung ist ein Kompromiss, nachdem die großeren Höhlen in der Regel für Besucher geschlossen wurden. Letzteres ist eine Lehre aus der Erfahrung mit Lascaux, welche nach dem 2. Weltkrieg für den Besucherverkehr erschlossen worden war. Die 12000 Besucher, die täglich durch die Höhle strömten fügten ihr erhebliche Schäden zu, welche schon 1955 sichtbar wurden. Die Atmung der Besucher und ihre Körperwärme war hauptsächlich dafür verantwortlich gewesen, dass das Klima der Höhle sich veränderte und sich Säureschäden an den Wänden, sowie Moosbildung einstellte. Man zog die Konsequenz, indem man die Höhle 1963 schloss. Seit 1983 ist für die Besucher mit Lascaux II eine aufwendige Nachbildung der Höhle zu besichtigen. Neue Höhlenfunde, wie Chauvet, werden nun von vorn herein soweit wie möglich von der Außenwelt abgeriegelt.

 

Buchtipp

Chauvet, Jean-Marie Brunel Deschamps, Eliette Hillaire, Christian: Grotte Chauvet bei Vallon-Pont-d`Arc,
Thorbecke Speläo, Bd.1; 1. Auflage 1995 (3. Aufl. 2001), Sigmaringen.
ISBN: 3799590005

Die sensationelle Entdeckung der Grotte Chauvet wurde für den Thorbecke-Verlag zum Anlass für die schöne Reihe Speläo zu steinzeitlicher Kunst.
Dieser erste Band, der mittlerweile schon in mehreren Auflagen erschienen ist, bietet mit seinen phantastischen Bildern und dem spannenden Text einen guten Ersatz für den wirklichen Besuch der für Besucher wohl für immer verschlossenen Höhle.

 

Clottes, Jean Courtin, Jean: Grotte Cosquer bei Marseille Eine im Meer versunkene Bilderhöhle. Hrsg. u. Vorw. v. Gerhard Bosinski.
Thorbecke Speläo, Bd.2, 1. Auflage 1995, Sigmaringen
ISBN: 3799590013

Die Grotte Cosquer wurde schon in den 80er Jahren entdeckt, aber erst realtiv spät allgemein publik gemacht. Da der Meerespiegel nach der Eiszeit erheblich anstieg, befindet sich der größte Teil der an der Mittelmeerküste gelegenen Höhle heute unter Wasser, was die Erforschung sehr erschwert.
Die Malereien sind nicht so spektakulär wie die von Chauvet, aber der sehr schön gestaltete Bildband macht es trotzdem wert gelesen zu werden.

 

Michel Lorblanchet: Höhlenmalerei, Bd.1
Thorbecke Speläothek, 2., aktualis. Aufl. 2000, Sigmaringen.
ISBN: 3799590250

Für den besonders interessierten Leser sei noch dieses Handbuch zur Höhlenmalerei empfohlen.
Thorbecke biete in seiner Reihe übrigens auch noch eine ganze Menge weiterer Präsentationen zur Höhlenkunst. Einfach mal ins Verlagsprogramm oder in der Bibliothek nachschauen!

 

 


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Ulrike Johnson, E-Mail: ulrikejohnson@gmx.net